30. März 2026 | Fluchttiere
360-Grad-Blick, 80 Stundenkilometer schnell und die Ohren überall: Der Feldhase ist ein Überlebenskünstler
Osterzeit ist Feldhasenzeit. Mit ein bisschen Glück sind die faszinierenden Wildtiere zurzeit gut auf Feldern und Wiesen zu beobachten. Und wer genau hinsieht, erkennt die eine oder andere Superkraft bei ihnen: Als Fluchttiere sind sie ständig auf der Hut und können die Ohren unabhängig voneinander wie Antennen in alle Richtungen drehen. So nehmen sie jedes Geräusch wahr und erkennen herannahende Gefahren frühzeitig. Müssen sie fliehen, erreichen sie eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 80 Kilometer pro Stunde – damit sind sie rund 35 Stundenkilometer schneller als der 100-Meter-Weltrekordhalter Usain Bolt. Mit ihren kräftigen, langen Hinterbeinen springen Feldhasen zudem knapp drei Meter weit und drei Meter hoch. Durch ihr flexibles Rückgrat können sie rasante Haken schlagen.
Die Flucht ist jedoch nur Plan B, denn meistens schützt sie ihre gute Tarnung: Sie drücken sich mit flach angelegten Ohren auf den Boden, mit dem sie dank ihres braun-grauen Haarkleids optisch verschmelzen. Ein weiterer Trick der Natur schützt sie davor, von bodenlebenden Fressfeinden aufgespürt zu werden: Feldhasen haben an den Pfoten keine Duftdrüsen und hinterlassen so nur eine sehr schwache Geruchsspur.
Ihr Handicap könnten ihre seitlich stehenden Augen sein, da sie dadurch nicht scharf sehen können. Aber durch ihren 360-Grad-Rundumblick bemerken sie jede verdächtige Bewegung schon auf große Distanz.
Feldhasen sind immer in Alarmbereitschaft. Das Hasengehirn registriert selbst im Dämmerzustand jede kleinste Bewegung und jedes verdächtige Geräusch. Um rechtzeitig fliehen zu können, dösen Feldhasen daher meistens nur, und das mit offenen oder halb geschlossenen Augen.
Trotz dieser einzigartigen Fähigkeiten und der ständigen Bereitschaft zur Flucht hat der Überlebenskünstler schon deutlich bessere Zeiten erlebt. „Vor allem die intensive Landwirtschaft ist für den Feldhasen genau wie für Rebhuhn und Kiebitz ein Problem“, sagt Professor Dr. Klaus Hackländer, Wildtierbiologe und Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung. Im Gegensatz zu Kaninchen leben Feldhasen ganzjährig oberirdisch. Doch in der intensiv bewirtschafteten Agrarlandschaft fehlt es an Versteckmöglichkeiten, in denen der Feldhase Schutz vor seinen vielen Fressfeinden findet. Für die neugeborenen Jungen, die bei Gefahr noch nicht flüchten, sondern sich in ihre Sassen drücken, sind landwirtschaftliche Maschinen eine tödliche Gefahr. Darüber hinaus fehlt es in der ausgeräumten Landschaft an Kräutern wie Hirtentäschelkraut oder Ackerstiefmütterchen, die Feldhasen oft vergebens suchen.
„Würde jeder Landwirt zumindest sieben Prozent seiner Ackerfläche brach liegen lassen, wäre dem Überlebenskünstler schon sehr geholfen“, sagt Hackländer. „Dazu braucht es aber auch Agrarförderprogramme, die Landwirte für diese Artenschutzmaßnahme finanziell unterstützen“, so der Hasenexperte.
Neben schwierigen Lebensraumbedingungen bedroht den Feldhasen seit 2023 die meist tödlich verlaufende Viruserkrankung Myxomatose, die man früher nur bei Kaninchen kannte. „Sie erhöht die Sterblichkeit erheblich, kleine Bestände können sogar vollständig ausgelöscht werden“, sagt Hackländer.
Die Deutsche Wildtier Stiftung schützt Feldhasen auf ihrem Stiftungsgut Klepelshagen in Mecklenburg-Vorpommern, indem sie über die gesetzlichen Vorgaben hinaus Brachflächen anlegt und die Landschaft mit Hecken, Streuobstwiesen und Blühstreifen vielfältig gestaltet. Zudem finden auf dem Grünland Mäharbeiten erst nach dem 20. Juni statt, und die Mähbalken werden extra hoch eingestellt, um auf dem Feld hockende Junghasen zu schonen. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen: Zweimal jährlich führen Mitarbeiter nächtliche Hasenzählungen durch, um den Bestand und den jährlichen Zuwachs zu erheben. Demnach ist die Zahl der Feldhasen in Klepelshagen erfreulich hoch. Im Frühjahr 2026 wurden rund 20 Hasen auf einem Quadratkilometer gezählt. Die Hasendichte liegt im Nordostdeutschen Tiefland im Durchschnitt bei sechs Tieren. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass wildtierfreundliche Landnutzung für Feldhasen messbare Erfolge liefert“, sagt Hackländer.
Quelle: Deutsche Wildtier Stiftung
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